LENA NIETHAMMER

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DIE LAUTSPRECHERIN
// SZ Magazin

Wie passt der Islam zu Deutschland? Die Antwort von Seyran Ateş ist eine Moschee, in der Frauen predigen und Homosexuelle willkommen sind.

Von Christoph Cadenbach und  Lena Niethammer 


An einem Freitagmittag im September 2017 sitzen in einer Moschee in Berlin-Moabit etwa dreißig Menschen auf dem weichen, hellen Teppichboden. Die meis­ten sind Muslime, doch die wenigsten sind zum Beten gekommen.

Auf der einen Seite des Raums haben sich Schüler aus Neukölln platziert: die zwölfte Klasse einer Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe, Leistungskurs Politikwissenschaft. Viele der Schüler wurden in Deutschland geboren, haben aber Wurzeln in Palästina, der Türkei oder Bangladesch. Ihnen gegenüber lächeln sieben Vertreter dieser neuen und ungewöhnlichen Moschee auffordernd in die Stille hinein, obwohl sie vermutlich ahnen, dass gleich ein Kulturkampf losbricht. Auf den ersten Blick ist es nur ein Konflikt innerhalb des Islam - der jedoch genau beobachtet wird in einem Land, in dem sich viele vor dem Islam fürchten, einem Land, das die islamfeindliche AfD in den Bundestag wählt.

Beim Freitagsgebet, das vor ein paar Minuten zu Ende ging, sahen die Schüler dabei zu, wie Männer und Frauen gemeinsam in einem Raum beteten. Manche Frauen trugen dabei kein Kopf­tuch. Die Predigt wurde von einem Mann vorgetragen, in anderen Wochen aber auch schon von einer Imamin. Einer der Betenden hat sich ihnen als homosexuell vorgestellt.

Ein Schüler meldet sich. Er könnte jetzt eine Frage stellen, denn darum geht es bei diesem Treffen eigentlich, das ihr Politiklehrer initiiert hat, doch der Schüler trifft eine Feststellung: "Es ist besser und logischer, dass Männer und Frauen nicht gemeinsam in einem Raum beten", sagt der Schüler, der selbst Muslim ist. "Denn man ist doch in ganz anderen Gedanken, wenn eine Frau vor einem betet."

Wieder spannt sich Stille im Raum. Alle Blicke richten sich auf die Gründerin der Moschee, eine kleine Frau mit kurz geschnittenen grauen Haaren, die ein weißes Gebetskleid trägt. Sie wirkt gleichzeitig traurig und streng, wie eine verzweifelte Lehrerin, lange schaut sie dem Schüler in die Augen. Dann sagt sie: "Das hier ist keine Bar, kein Anmachladen. Ich erwarte, dass sich hier jeder konzentriert und nicht auf irgendwelche Hintern glotzt. In der muslimischen Welt denken junge Männer den ganzen Tag an Sexualität, und deshalb müssen sich junge Frauen verhüllen und werden weg­gesperrt."

Die Schüler bleiben skeptisch. Ein Mädchen meldet sich: "Haben Sie nie daran gedacht, aus dem Islam auszutreten?", fragt sie.

"Nein, niemals", antwortet die Gründerin. "Schließlich wurde ich in diese Religion hineingeboren."

"Aber Allah hat das letzte Wort, und Sie stellen sich gegen den Koran", sagt das Mädchen.

"Haben Sie etwa die Telefonnummer von Allah?", fragt die Gründerin.

In Berlin gibt es rund achtzig Moscheen. Einige erkennt man schon aus der Ferne an den Minaretten. Viele andere liegen versteckt in Hinterhöfen. Manche werden vom Staatsschutz beobachtet. Etliche sind an Freitagen so gut besucht, dass die Gläubigen auf Vorräume oder den Innenhof ausweichen müssen. Aber keine hat in so kurzer Zeit so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie diese kleine Moschee in Berlin-Moabit, zwei Räume von jeweils etwa vierzig Quadratmetern, im Gebäude einer evangelischen Kirche.

Als diese Moschee Mitte Juni 2017 eröffnet wurde, berichteten nicht nur viele deutsche Medien, sondern auch Zeitungen und Fernsehsender in Indien, Israel, Russland, auch die New York Times, die Washington Post und natürlich Breitbart. Die meisten Artikel hatten einen wohlwollenden Klang.

Ganz im Gegensatz zu den Reaktionen aus islamisch geprägten Ländern. In Ägypten äußerte sich das Fatwa-Amt, eine der bedeutendsten islamischen Institutionen überhaupt, und erklärte, die Gründung dieser Berliner Moschee sei eine Provokation gegen den Islam. In der Türkei brachte die staatliche Religionsbehörde Diyanet die Moschee mit der Bewegung des Predigers Fet­hullah Gülen in Verbindung, der in der Türkei als Terroristenführer gilt und für den gescheiterten Militärputsch verantwortlich gemacht wird. Eine gefährliche Aussage von Diyanet, für die es keine Belege gibt.

Die Gründerin der Moschee hat in den ersten Tagen nach der Eröffnung mehr als 3500 von Wut und Hass erfüllte E-Mails, Facebook-Kommentare und Anrufe erhalten, so erzählt sie es. Seitdem seien sie und auch das Landes­kriminalamt mit dem Zählen nicht mehr hinterhergekommen.

Sie steht schon seit Jahren unter Polizeischutz, inzwischen 24 Stunden am Tag. Sie geht kaum noch auf der Straße spazieren. Möchte sie in einem Restaurant essen, muss sie dies beim LKA anmelden. Die meiste Zeit verbringt sie in ihrer Wohnung, in der Moschee oder im Auto. Sie reist viel, wird ständig eingeladen, zu Konferen­zen und in Talkshowstudios, saß bei Lanz und bei Illner.

Jeder, der in den vergangenen Wochen auf diese neue Moschee geblickt hat, ob mit Wohlwollen oder mit Wut, hat vor allem sie gesehen: die Gründerin Seyran Ateş. Schon vor der Eröffnung der Moschee war sie eine bekannte Person in Deutschland. Sie ist Anwältin und hat mehrere Bücher geschrieben, in denen sie das Mitei­nander der Geschlechter in vielen muslimischen Familien in Deutschland schildert, auch in ihrer. Die Allmacht der Männer. Die Ohnmacht der Frauen. Zwangsehen. Kopftuchzwang. Häusliche Gewalt. So beschreibt sie es.

Ateş ist 54 und stammt aus der Türkei. Sie gilt als engagierte Frauenrechtlerin und Expertin für Integra­tionspolitik. Im Grunde arbeitet sie seit Jahrzehnten daran, dass Muslime nicht mehr so denken und reden wie die Schüler aus Neukölln, zumindest wie diejenigen, die sich gemeldet haben. Zur Begrüßung sagte sie: "Wir stehen nicht als diejenigen vor euch, die behaupten, alles richtig zu machen. Auch wir kennen nicht die Wahrheit." Sie lud die Schüler ein, sich dem Gebet anzuschließen, doch niemand trat nach vorne. "Diese Jugendlichen tun mir leid", sagt sie später im Gespräch mit dem SZ-Magazin. "In was für einem Gefängnis die stecken."

Ateş kann feinfühlig sein, zurückgenommen, ausgleichend. Sie gilt aber auch als eine, die gern provoziert und weiß, was zu tun ist, um gehört zu werden. Eine, die die große Bühne sucht.

Zwei Monate zuvor, ein Samstag Mitte Juli, Christopher Street Day auf dem Kurfürstendamm. Vom Wagen der evangelischen Kirche in Berlin ertönt Ain't Nobody Loves Me Better. Ateş wippt auf dem Wagen zur Musik. Sie trägt ein bunt besticktes durchsichtiges Kleid, eine hellblaue Plüschkrone und eine lilafarbene Federboa, die sie gerade einem Pfarrer um den Hals legt. Die Sonne strahlt. Ateş strahlt. Dutzende Journalisten umringen sie. Der Islam feiert auf dem CSD mit, das ist eines der Topthemen heute.

Immer wenn Ateş einen besonders wilden Tänzer in einem besonders auffälligen Kostüm auf der Straße unter ihr entdeckt, einen Transvestiten im Brautkleid zum Beispiel, hüpft sie vom Wagen, um mit diesem Menschen zu tanzen. Man hat den Eindruck, dass sie genau weiß, wo die Fotografen gerade stehen, sie dreht und wendet sich ihnen zu. Die Personenschützer des LKA tauschen jedes Mal nervöse Blicke aus.

"Ibn-Rushd-Goethe-Moschee" haben Ateş und ihre Mitstreiter die Moschee genannt, das klingt nach Brückenschlag zwischen den Kulturen. Ibn Rushd war ein muslimischer Gelehrter im 12. Jahr­hundert. In den vergangenen Wochen hat Ateş etliche öffentlichkeitswirksame Termine initiiert. Den Besuch des schwulen Imams Ludovic-Mohamed Zahed in ihrer Moschee zum Beispiel, der aus Paris angereist kam. Oder den von Henryk M. Broder und Hamed Abdel-Samad, zwei besonders scharfen Islamkritikern. Ateş sagt, die Ziele, die sie mit der Moschee verfolge, seien Aufklärung und eine Reform des Islam. Aber erreicht sie mit ihren Aktionen die richtigen Menschen, um tatsächlich etwas zu verändern?

In Berlin leben etwa 300 000 Muslime. Davon erscheinen für gewöhnlich zehn bis 15 zu den Freitagsgebeten in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Die meisten kommen regelmäßig, wie Mohamed, 54, ein Architekt, der aus Ägypten stammt und in Berlin vorher keine Moschee gefunden hatte, in der er sich wohlfühlte. Weil überall ein fundamentalistischer Geist vorherrsche, sagt er. Ein anderer ist Christian, 47, der sich seit Kurzem Awhan nennt. Eigentlich wollte er sich diese Moschee nur mal anschauen, aus Neugier, er war kein Muslim. Doch dann habe er in diesen Räumen plötzlich Allah gespürt. Ende August ist er konvertiert. Awhan ist schwul und HIV-positiv, das erzählt er, ohne dass man ihn danach fragt. Er will nun einen Youtube-Kanal bespielen, in dem er von seinem neuen Leben als schwuler Muslim berichtet.

Oft trifft man mehr Zuschauer als Betende in der Moschee, Berlintouris­ten aus Heidelberg oder Bielefeld, die sich diesen Ort, von dem sie in der Zeitung gelesen haben, einmal ansehen wollen, vor oder nach einem Ausflug zum Brandenburger Tor. Und jeder Zuschauer, mit dem man spricht, freut sich darüber, dass es endlich eine liberale Moschee in Deutschland gebe, eine gute Moschee. Ateş scheint vor allem die deutschen Nichtmuslime glücklich zu machen - Linke wie Rechte. Renate Künast unterstützt das Projekt, ebenso wie Beatrix von Storch von der AfD, die in einem Interview Seyran Ateş einen "Leuchtturm" nannte und damit gleich klarmachte, was sie von den übrigen Muslimen hält. Von Storch benutzt Seyran Ateş, um Stimmung gegen den Islam zu machen. Dass bisher so wenige Muslime zum Freitagsgebet kommen, spielt ihr da in die Karten.

Viele hätten einfach Angst, dass auch sie bedroht würden, wenn sie sich in der Moschee zeigten, sagt Seyran Ateş. Andere müssten am Freitagmittag arbeiten, denn liberale Muslime seien überwiegend Akademiker. Trotzdem bleibt der Eindruck, es gehe ihr stärker darum, Symbole zu setzen, als eine Bewegung zu starten.

Die islamischen Verbände, die es in Deutschland gibt, wollen sich nicht zu Ateş' Moschee äußern. Kein Kommentar vom Zentralrat der Muslime. Ein Sprecher des Berliner Landesverbandes von DITIB sagt, dass er Ateş nicht durch ein Statement noch populärer machen wolle. DITIB ist der Dachverband der deutsch-türkischen Gemeinden und eng verknüpft mit der türkischen Regierung. Nur das Islamische Zentrum Hamburg, die bedeutendste schiitische Institution des Landes, hat eine Stellungnahme herausgegeben. Darin ruft der Leiter, Ayatollah Reza Ramezani, "alle Brüder und Schwes­tern" auf, "dieser Beleidigung" des Islams "nicht tatenlos zuzusehen". Fragt man beim Islamischen Zentrum nach, ob diese Formulierung nicht als Aufruf zu Hetze und Gewalt verstanden werden könnte, sagt ein Sprecher, es handle sich wohl um einen Übersetzungsfehler. Er werde das intern ansprechen.

Selbst Muslime, die sich als liberal oder reformorientiert beschreiben, kritisieren Ateş. Es sind vor allem Islamwissenschaftler, Männer wie Frauen. Manche stört, dass sich Ateş als Imamin aufspiele, obwohl sie kein theo­logisches Studium abgeschlossen hat. Ateş nennt sich tatsächlich Imamin und predigt in ihrer Moschee. Anderen fehlt die theologische Verortung des Projekts: Ateş habe die Gebetspraxis verändert, ohne es theologisch zu begründen. Warum habe sie den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht?

"Weil dieses Argument Quatsch ist", sagt Ateş. Zum einen gebe es diese Begründungen längst, und sie würden sie nun peu à peu veröffentlichen. Dass Frauen ein Kopftuch tragen müssen, stehe zum Beispiel nicht im Koran, der altarabische Originaltext sei nicht so konkret. Zum anderen will sie über manche Dinge gar nicht diskutieren, den bekannten Schwertvers in der 9. Sure zum Beispiel, in dem es um das Töten von Nichtmuslimen geht. Ateş denkt Islamreform weiter als viele andere. Ihr geht es nicht nur um eine andere Lesart des Koran - manche Suren müsse man im 7. Jahrhundert stehen lassen, sagt sie, wenn diese mit den Menschenrechten nicht vereinbar seien. Egal, was Theologen meinten.

Die Idee, eine Moschee zu gründen, hat Ateş schon vor Jahren gefasst, während ihrer Teilnahme an der Deutschen Islamkonferenz. 2006 hatte der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Konferenz ins Leben gerufen, um den Dialog zwischen den Muslimen und dem Staat aufzunehmen. Auch um die Muslime in Deutschland erst einmal sichtbar zu machen. Eingeladen wurden Vertreter der Islamverbände sowie muslimische Persönlichkeiten, die als liberal galten. Wie Ateş. Von 2006 bis 2009 diskutierte sie auf der jährlichen Konferenz mit.

Irgendwann habe Schäuble sie gefragt, erzählt Ateş, warum sie und die anderen liberalen Muslime nicht organisiert seien. Der Staat brauche Ansprechpartner. Einige liberale Muslime wundern sich nun, dass Ateş nicht den Schulterschluss gesucht habe, zum Beispiel mit dem Liberal-Islamischen Bund, kurz LIB, der bereits mehrere Gemeinden in Deutschland gegründet hat. Eine dieser Gemeinden trifft sich nur ein paar Hundert Meter entfernt von der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in der Moabiter Wiclefstraße. Zusammen mit anderen Gemeindemitgliedern organisiert Nushin Atmaca dort die gemeinsamen Treffen und Gebete, zu denen, wie sie sagt, jeweils etwa zwanzig Menschen erscheinen. "Wir machen hier schon alles genauso, wie es nun auch in der Moschee von Frau Ateş praktiziert wird." Nur nennen sie ihren Raum nicht Moschee. Und werden nicht so sehr wahrgenommen.

Beim Christopher Street Day auf dem Wagen der evangelischen Kirche fuhr auch eine Vertreterin des LIB mit. Sie trug keine Federboa, sondern ein Kopftuch, stand am äußersten Rand des Wagens und wurde von den Journalisten ignoriert.

Nushin Atmaca sagt, Ateş befeuere durch manche Äußerungen und ihren scharfen Ton die Spaltung zwischen konservativen und liberalen Muslimen. Seyran Ateş sagt: "Ich war schon immer etwas radikaler als die anderen. Ich habe mich nie leiten lassen von der Furcht, dass ich andere überfordere, die Konservativen zum Beispiel. Der LIB will enger mit den Verbänden arbeiten und ist deswegen weniger konfrontativ. Ich ziehe kontroverse Begegnungen vor." Mit den "Konservativen" meint sie vor allem die Männer, die den Islamverbänden vorsitzen. "Die meisten dieser Herren", sagt Ateş, "habe ich nur als Bauerntrottel und Machos erlebt, die nicht bereit sind, entspannt und auf Augenhöhe mit Frauen zu diskutieren."

Sie weiß natürlich, wie dieses Wort wirkt, Bauerntrottel. Sie kann nicht nur laut, sondern auch unsachlich sein. Und beleidigend.

Berliner Arbeitsgericht, ein Mittwoch Ende August. Der Raum ist schlicht, Holzmöbel, Neonlicht, Ateş trägt ein dunkelblaues Jackett. Sie verteidigt das Land Berlin als Anwältin in einem Verfahren, das eine junge Lehrerin initiiert hat. Die Lehrerin ist Muslimin und trägt Kopftuch. Weil sie dieses Kopftuch auch in der Grundschule, in der sie eingesetzt werden sollte, nicht abnehmen wollte, versetzte die Berliner Bildungsverwaltung sie an eine Berufsschule, an der ältere Kinder unterrichtet werden. Nun sieht sich die Lehrerin diskriminiert und klagt gegen die Versetzung. An diesem Tag wird nichts entschieden, aber nach der Verhandlung bittet Ateş einige Journalisten in die Kantine des Gerichts. Dort erläutert sie noch einmal die Position des Landes Berlin und sagt dann, dass diese Lehrerin keine persönlichen, sondern politische Ziele verfolge: "Sie will an einer Grundschule eingesetzt werden, weil sei weiß, dass die jungen Kinder dort beeinflussbarer sind." Hält man ihr vor, diese Aussage sei eine Unterstellung, lächelt sie darüber.

Ateş hat eine Biografie, die für zwei Leben reicht, sie hat sie in einem Buch beschrieben: Ihre Eltern waren Gast­arbeiter. Erst zog die Mutter aus der Türkei nach Deutschland, dann der Vater. Ateş blieb mit fünf Jahren ohne Eltern in Istanbul zurück und wohnte mit ihren Geschwistern bei Verwandten. Der Onkel schlug sie, bis die Eltern sie schließlich nachholten. Die Familie lebte dann zu siebt in einer Einzimmerwohnung in Berlin-Wedding, einem damals dunklen, nach Kohle miefenden Arbeiterkiez mit vielen Kneipen. Ateş durfte das Haus nur für die Schule verlassen. Ihre Eltern fürchteten schlechte Einflüsse. Den Söhnen erlaubten sie, sich als Machos aufzuspielen und die kleine Schwester zu schlagen.

Mit 17 riss Ateş aus und lebte in linken Wohngemeinschaften. Vom ersten Jahr in Deutschland an war sie eine gute Schülerin gewesen, schließlich studierte sie Jura an der FU Berlin. Nebenher arbeitete sie in einer Kreuzberger Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei. 1984, Ateş war 21, trat ein Mann in diesen Laden, zog eine Pistole und erschoss die Klientin, die Ateş gerade beriet. Er schoss auch auf Ateş, die Kugel traf sie in den Hals. Fast wäre sie gestorben. Die Polizei verhaftete einen Verdächtigen, den Ateş in einer Gegenüberstellung als Täter identifizierte: ein Türke, von dem Ateş ver­mutet, dass er der rechtsextremen tür­kischen Organisation Graue Wölfe an­gehörte. Vor Gericht wurde der Mann freigesprochen, weil Ateş' Aussage auch ein Irrtum sein könnte, argumentierte der Richter. Ateş waren vor der Gegenüberstellung Fotos des Verdächtigen gezeigt worden. Auch die Aussage einer anderen Zeugin, die den Angeklagten als Täter erkannt hatte, sei nicht zweifelsfrei, denn sie habe ihn als Mann mit schwarzen Haaren beschrieben, er habe aber grauschwarzes Haar. Und auf der Tatwaffe seien keine Fingerabdrücke gewesen.

Ateş ließ sich nicht einschüchtern. Sie wurde Anwältin und in den Nullerjahren bekannt dafür, dass sie sich für ein Kopftuchverbot stark machte - dafür, dass Lehrerinnen oder Mitarbeiterinnen der Justiz keine religiösen Symbole tragen dürfen. Türkische Medien hetzten gegen sie. 2006 wurde eine türkischstämmige Mandantin in ihrem Beisein von deren Ex-Ehemann auf der Straße geschlagen; der Mann bedrohte auch Ateş. Seit dieser Zeit lebt Ateş unter Polizeischutz.

Sie hat vieles durchgestanden, meis­tens allein, angefangen als junges Mädchen, das gegen die Familie aufbegehrt. Nur in sehr bedrohlichen Phasen, sagt sie, habe sie sich zurückgezogen - für kurze Zeit. "Aber gerade dann habe ich mich unfrei gefühlt", sagt sie. Das soll ihr nicht wieder passieren.

Diesmal sei sie keine Einzelkämpferin, sagt Ateş. Insgesamt stehen fünf Gesellschafter hinter der Moschee, der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi zum Beispiel. Aber man sieht sie nicht neben Ateş. "Ich bin die Frontfrau", sagt sie.

Ein weiterer Gesellschafter stieg kurz vor der Eröffnungsfeier der Moschee aus, mit einem Knall: Mimoun Azizi, ein Neurologe und Politikwissenschaftler, der aus Marokko stammt. Auf seiner Facebook-Seite beschimpfte er Ateşund die anderen Gesellschafter als "Islamhasser". Er wolle deren "antimuslimischen Faschismus", den er in den vergangenen Monaten miterlebt habe, enttarnen, deshalb habe er viele Gespräche protokolliert. Es war eine Geschichte voller Enttäuschung, Wut und Verschwörungstheorien, die Azizi in die Welt posaunte. Sie zeigte auch, wie aufgeladen der Konflikt um eine Islamreform ist, selbst in den vermeintlich eigenen Reihen.

Spricht man mit Azizi am Telefon, wirft er Ateş vor, keine Ahnung zu haben, denn eine Reform dürfe sich nur auf die Lesart des Koran beziehen. Außerdem missbrauche Ateş die Moschee als Bühne, um einen Feldzug gegen die türkische Regierung zu führen. Tatsächlich wirkt es befremdlich, wie Ateş vor manchen Freitagsgebeten ihre Gemeinde und die Zuschauer warnt, der türkische Geheimdienst wolle sich in ihre Moschee einschleichen, und wie sie mit Ironie in der Stimme Erdoğan zum gemeinsamen Gebet einlädt. Andererseits haben staatsnahe türkische Fernsehsender tatsächlich offensichtliche Lügen über ihre Moschee verbreitet. Der Sender A-Haber berichtete über die Eröffnungsfeier der Moschee und zeigte immer wieder einen kahlköpfigen Mann im Bild: Er sei der Vorsitzende der Gülen-Bewegung in Deutschland, Ercan Karakoyun. Der Mann im Bild war aber der ebenfalls kahlköpfige Abdel-Hakim Ourghi, einer der Gesellschafter der Moschee. Und beim Besuch der Neuköllner Schüler tauchte plötzlich ein Mann zum Gebet auf, der heimlich mit seinem Handy filmte oder fotografierte und wieder verschwand. Nur die Schüler bemerkten ihn.

Ihr Politiklehrer hat das Treffen mit Ateş ein paar Tage später im Unterricht nachbesprochen. Es habe natürlich viel Unverständnis gegeben, sagt er: "Ateş stellt alles in Frage, was die Jugendlichen ihr Leben lang gelernt haben." Was war denn die positivste Aussage der Schüler? Der Lehrer überlegt lange und sagt: "Einige Schüler fanden schon okay, was dort passiert, solange sie dabei nicht mitmachen müssen."


// erschienen im Oktober 2017