LENA NIETHAMMER

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LENA NIETHAMMER

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MALEN NACH ZAHLEN
// taz

Ein Autor schreibt jeden Tag zwei Seiten und verschickt sie per Mail an seine Leser. Eine Musikerin bricht mit ihrem Label und sammelt 1,2 Millionen Dollar im Netz. Künstler entdecken den neuen Mäzen: die Crowd. Was macht das mit der Kunst?


Der Weg zum Buch führt durch den Mauerpark und der Mauerpark ist höchst gefährlich. Es ist der 11. Januar, Berlin-Prenzlauer Berg, ein Mann, ganz in Schwarz gekleidet, Zigarette in der Hand, steht vor dem Eingang und inspiziert den Weg. Es hat geschneit, dann getaut, glatt könnte es sein. „Ich darf mir jetzt auf gar keinen Fall den Arm brechen“, sagt er, „höchstens ein Bein.“

Der Mann in Schwarz heißt Tilman Rammstedt, Bestseller-Autor, Bachmannpreis-Gewinner, einer der wirklich Guten, die wir in diesem Land haben. Eigentlich ist Verlass auf seine Bücher, doch bei diesem ist es anders, er ist da in etwas hineingeraten, ein Experiment namens „Morgen mehr“.

Innerhalb von 90 Tagen soll Rammstedt ein Buch schreiben, jeden Tag zwei Seiten, die dann am nächsten Morgen per Mail an die Leser geschickt werden. Finanziert wird das Ganze zum Teil über die Crowdfunding-Plattform Startnext, mindestens 8 Euro muss der Leser zahlen, um das Rammstedt-Abo zu bekommen. Im Mai soll dann das gedruckte Buch beim Hanser-Verlag erscheinen.

Für Tilman Rammstedt bedeutet das 90 Tage Stress, 90 Tage Druck, 90 Tage nur schreiben. Heute ist Tag eins.

Er schafft es durch den Mauerpark, jetzt sind es nur noch 500 Meter bis zum Gemeinschaftsbüro, einer kleinen Wohnung im vierten Stock eines Altbaus. Sechs andere, darunter Übersetzer und Schriftsteller, teilen es sich mit ihm. Es ist ruhig an diesem Montag, nur ein Kollege sitzt da, als Ramm¬stedt den Raum betritt.

Sein Plan für die zwei Seiten heute: Hinauszögern. Also den Inhalt. Bloß aufpassen mit großen Kloppern über die Hauptfiguren, bloß nichts schrei¬ben, das er nicht das ganze Buch durchhalten kann, es lässt sich ja nichts zurücknehmen.

Aber Rammstedt zögert nicht nur den Inhalt hinaus: Er ist Prokrastinationsmeister. Ihm bleiben nur drei Stunden für zwei Seiten, dann will das Radio ein Interview, der Verlag das Geschriebene und der Sohn abgeholt werden, Rammstedt aber ist gut drauf, er schlägt vor, man könne vielleicht noch kurz in ein Café gehen. Im Büro schnackt er mit dem Kollegen über die Kollegen, stellt dann seinen Laptop auf den Tisch und macht erst mal das Internet an: Kommentare von Lesern anschauen. Eine Seite, die er schon vorgeschrieben hatte, wurde bereits heute morgen rumgeschickt. „Schön, noch nichts Böses.“ Besser WLAN aus. SMS checken.

Er öffnet Scrivener, ein Schreibprogramm für Schriftsteller.
„Schau, sieht gleich viel literarischer aus, oder?“
Der Kollege kommt rüber. Dann Stille.

Das erste Mal Stöhnen, das erste Mal durch die dunkelbraunen Haare raufen. Vollbild an. Vollbild aus. Vollbild an. Schriftgröße ändern.

„So.“

Er überschlägt die Beine, fährt mit den Händen über die Tastatur, hält eine gute Minute einfach inne und dann schreibt er ein erstes Wort, dann noch eins, irgendwann steht da ein Satz.

„Ich weiß alles. Ich weiß den Anfang, den Mittelteil und den Schluss.“

Mit diesem Satz hat Rammstedt am Tag zuvor sein Manuskript begonnen. Vielleicht ist es Galgenhumor, denn von seinem Buch weiß er nichts, weder Mittelteil noch Schluss. Nur eine leise Ahnung hat er, worum es gehen könnte, aber die ist keine drei Tage alt. Wochen, gar Monate hat er alles, das ihm in den Sinn kam, verworfen. Dann am Freitag, nachdem ihm der Verlag schon nicht mehr ganz so amüsiert auf sein Geständnis, dass er noch nichts habe, „dann denk weiter“ antwortete, war die Idee einfach da: Ein Ungeborener, der bei seiner Zeugung nachhelfen muss.

Während Rammstedt nun an seinem Schreibtisch stöhnt, ächzt und tippt, stellt sich die Frage, was dieses ganze Experiment eigentlich soll. Will hier ein Verlag sich und seinen Autor auf originelle Weise promoten? Oder ist es ein Anzeichen dafür, dass nun auch im etablierten Kulturbetrieb die Suche nach neuen Vertriebsformen und Finanzierungswegen für Kunst weitergeht? Nach Modellen, wie sie einzelne Künstler längst für sich entdeckt haben.

Allein auf der Onlineplattform Kickstarter kamen seit 2009 rund 615 Millionen Dollar für über 138.000 Projekte in den Bereichen Film, Musik, Kunst, Theater, Fotografie und Tanz zusammen. Künstler stellen ihre Konzepte vor, per Klick können Nutzer sie mit unterschiedlichen Beträgen unterstützen. Je nach Summe bekommen sie dafür eine Gegenleistung. Wer sich bei Tilman Rammstedts Projekt für die 50-Euro-Variante entscheidet, dem wird am Ende eine E-Book-Version zugesandt, in der eine der Hauptfiguren den eigenen Namen trägt.

Crowdfunding ist eine Nische, die ihre eigenen Welten hervorbringt: Über 100 Millionen Dollar sammelten Fans dafür, dass eine alternde Legende des Computerspieldesigns ein neues Spiel entwirft. Ein Mann, der für den Plan „Ich mache einen Kartoffelsalat“ 10 Dollar sammeln will, wird Kult und kommt auf über 55.000 Dollar.

Für die Erfinder von Kickstarter war diese Form der Finanzierung auch ein Weg, an den Türstehern der Kulturindus¬trie vorbeizukommen: Stipendienkommissionen, Verleger, Plattenlabels. Wenn sich die etablierten Strukturen zu langsam ändern, um Experimente zu ermöglichen, machen wir sie einfach selbst, so die Erzählung. Nur das Wohlwollen der Masse entscheidet.

Aber was macht das mit der Kunst? Wird sie demokratischer? Oder verliert sie ihren Wert, weil der Geschmack der vielen entscheidet, welches Werk überhaupt entstehen kann? Und formt so ein Prozess den Künstler?

„Der arme Poet“ heißt ein berühmtes Bild des Malers Carl Spitzweg aus dem 19. Jahrhundert. In einer schäbigen Kammer sitzt ein Schriftsteller im Bett, wegen des undichten Daches hat er einen Regenschirm über sich gehängt, das Heizen muss er sich sparen, also zieht er sich eine verschlissene Decke über die Beine. Er ist konzentriert, die Schreibfeder klemmt zwischen den Lippen, er denkt, er arbeitet. Das Gemälde verkörpert den deutschen Mythos vom Künstler als einsames Genie, das Großes schafft, ohne dabei an Geld zu denken.

Das Gegenbild ist Amanda Palmer. Die US-amerikanische Musikerin und Lyrikerin ist bekannt geworden als etwas durchgedrehte Sängerin der Band The Dresden Dolls. Nachdem sie sich mit ihrem Plattenlabel zerstritten hatte, sammelte Palmer 2012 per Crowdfunding Geld für ihr neues Album ein. Angepeilt war eine Summe von 100.000 Dollar, es wurden 1,2 Millionen, gespendet von 25.000 Fans. Palmers Aktion wurde die größte in der Geschichte des Musik-Crowdfundings.

Palmer bringt als Künstlerin alles mit, was es für den Erfolg eines solchen Projekts braucht. Sie ist auf fast jeder Social-Media-Plattform präsent, im Minutentempo reagiert sie auf fast jeden Tweet ihrer Fans. Doch ihr wahrscheinlich größter Vorteil gegenüber anderen Künstlern ist, dass sie sich von jedem Schamgefühl befreit hat, wenn es darum geht, um Geld zu bitten.

In ihrem 2015 erschienenen Buch „The Art of Asking“, eine Mischung aus pathetischem Manifest und Autobiografie, ruft sie alle Künstler auf, es ihr gleichzutun. Als Palmer noch längst nicht von ihrer Musik leben konnte, stand sie als lebende Statur auf einem Milchkarton in der Fußgängerzone. Sie stand dort wie erfroren, doch legte jemand ein paar Dollar in ihren Hut, erwachte sie und schenkte ihrem Gegenüber eine Blume, ein Lächeln oder einen tiefen Blick. Es sei ein Tausch, schreibt sie in ihrem Buch, denn der Spender bekomme auch etwas, „und sei es nur das Gefühl, mitten in einer Großstadt von einer Statur für einen Moment wirklich gesehen zu werden“. Das größte Missverständnis wäre, um Geld zu bitten mit betteln gleichzusetzen.

Einige Stimmen aus dem Kulturbetrieb befürchten, dass diese Philosophie Argumente dafür liefert, öffentliche Kunstförderung zu streichen. Und dass dann Arten von Kunst, die sich schlecht in den Rahmen von Kickstarter-Projektseiten pressen lassen, auf längere Sicht verloren gehen.

Gleichzeitig gibt es auch Kunst, die in einer E-Mail besser funktioniert als in einem Museum.

Ein YouTube-Video, hochgeladen im Dezember 2011. Darauf zu sehen ist ein Mann Mitte 70, der in einem Café sitzt, er trägt einen Nadelstreifenanzug, graue Haare und eine rote Krawatte. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Ipad. Zwei Minuten und zehn Sekunden schaut der Betrachter dem alten Mann dabei zu, wie er auf dem Display den Ausblick aus dem Fenster malt, eine grüne Wiese, darauf eine rote Skulptur, am Horizont das Meer. Er wischt, wählt neue Farben aus, am Ende zündet er sich eine Zigarette an, schaut über seine Schulter und grinst in die Kamera. Abblende.

Ist das Ipad-Bild des alten Mannes fertig, ploppt kurze Zeit später bei circa 30 Menschen weltweit eine E-Mail im Posteingang auf. Absender: David Hockney, einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler unserer Welt, berühmt geworden durch seine Swimmingpool-Bilder in den sechziger Jahren. Die Empfänger sind Freunde und Sammler des Künstlers, der Inhalt der Mail, das Bild, ein Geschenk.

„Hockney hat mich erst auf die Idee gebracht“, sagt Wolfgang Ullrich. Ullrich, ein gelassener Mann, groß, Bart, ruhige Stimme, sitzt am Esstisch seiner Leipziger Wohnung, in dem Altbau, in dem einst Schiller den zweiten Akt von „Don Karlos“ schrieb. Bis 2015 war Ullrich Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, doch ihm fehlte die Zeit zum Forschen. Also legte er seine Professur nieder und arbeitet nun als Autor, Kulturwissenschaftler und Berater in Leipzig.

„Hockney hat für seine ¬E-Mails großen Ärger mit seinen Galeristen bekommen“, erzählt Ullrich. „Sie hatten Angst, dass der Kunstmarkt darunter leiden würde, wenn er seine Bilder einfach umsonst verschickt.“ Ullrich hingegen sah darin sofort das Gegenteil: ein mögliches Geschäftsmodell.

Ullrich plädiert seit Jahren für das sogenannte Künstler-Abonnement. So wie wir heute auf Twitter den Schriftstellern, Musikern und Künstlern folgen, die uns gefallen, könnten wir sie zukünftig für ein paar Euro im Monat abonnieren. Anders als bei Rammstedt geht es dabei dann nicht mehr um die Finanzierung eines einziges Werks, sondern um die des gesamten künstlerischen Schaffens einer Person. Als Gegenleistung bekäme der Abonnent dann exklusive Einblicke in die Arbeit des Künstlers.

David Hockney erzählte einmal in einem Interview, dass seine Freunde an den Ipad-Bildern vor allem den Moment lieben würden, wenn, ohne dass sie es erwartet hätten, auf einmal eine Mail kommt. Ein leichtes Vergnügen, so sagt er, zu vergleichen mit jenem, wenn der Partner Blumen mitbringt. Außerdem wird so die Zeit zwischen einer Ausstellung und der nächsten oder einem Buch und dem nächsten überbrückt, es besteht nicht die Gefahr, dass der Künstler in Vergessenheit gerät. Allerdings entsteht damit auch der Druck, andauernd produktiv zu bleiben.

Auch die Musikerin Amanda Palmer lässt sich mittlerweile nicht mehr für einzelne Alben bezahlen. Seit Anfang 2015 können ihre Fans sie über eine Internetplattform für eine monatliche Summe ab einem Dollar abonnieren. Über 6.000 Mäzene hat sie dort gefunden, die insgesamt eine Summe von 31.000 Dollar pro Monat geben. Abgebucht wird der Betrag allerdings nur, wenn Palmer jeden Monat etwas veröffentlicht, zum Beispiel einen Song, ein Video oder einen Text.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat der deutsche Verlag Hanser Wolfgang Ullrich eingeladen, um über solche Finanzierungsmodelle in der Literatur zu sprechen. Afterwork-Workshop, nachmittags gegen fünf. Er sprach eine halbe Stunde über das Künstlerabo, dann wurde eine Stunde diskutiert. „Sie schauten mich alle skeptisch an“, Ullrich lacht, „es kamen Fragen wie: Interessiert das überhaupt jemanden? Wer würde denn dafür zahlen? Das Fazit war: Total unrealistisch und, na ja, doof.“

Aber kurze Zeit nach seinem Besuch geht Hanser auf Tilman Rammstedt zu. Man wolle da etwas ausprobieren, heißt es, eine neue Form des Buchvertriebs. Ob er bereit sei für ein Experiment?

Im Gegensatz zu der Crowdfunding-Pionierin Palmer eignet sich Rammstedt in mancher Hinsicht überhaupt nicht für dieses Modell. Er hat keinen Twitter-Account und lud vor zwei Wochen das erste Mal ein Profilbild bei Facebook hoch, eines, auf dem man vor allem seinen Hinterkopf zu sehen bekommt. Doch Hanser bietet ihm an, die Vermarktung zu übernehmen. Rammstedt, der vor fünf Jahren selbst mal die Idee hatte, jede Woche eine Kurzgeschichte zu veröffentlichen, um etwas mehr Struktur in seinen Autorenalltag zu bekommen, dann aber an der technischen Umsetzung scheiterte, sagt zu.

Berlin, drei Wochen vor Schreibbeginn, in einem Café in Prenzlauer Berg. Da sitzt er vor einer Tasse Kaffee, der personifizierte nervöse Tick. Rammstedt tippt sich mit dem Finger ans Kinn, zupft sich am Bart, fährt über die linke Augenbraue, fasst sich ans Ohr. Die dunkelbraunen Haare stehen längst waagerecht vom Kopf ab, so oft ist seine Hand durch sie hindurchgegangen.

Herr Rammstedt wie gehen Sie mit Druck um?
„Schlecht.“
Wie sind Sie dann?
„Unausstehlich.“
Was ist die größte Angst?
Er zögert.
„Ich habe ungefähr jede Angst, die man sich vorstellen kann. Ich dachte, es würde mir helfen ein Buch zu schreiben, und nun ist es eine riesige Belastung geworden.“
Er lacht.

Eigentlich hatte Rammstedt schummeln wollen. Das Projekt war mal für vergangenen Herbst geplant, aber der Verlag hatte es technisch nicht so schnell geschafft. Ramm¬stedt, total erleichtert damals, dachte, jetzt hätte er ein halbes Jahr, um sich alles zu überlegen, dann ständen schon mal so fünfzig, sechzig Seiten, er könnte in Ruhe hinten weiterschreiben und peu à peu vorne veröffentlichen. War dann doch nicht so. Irgendwelche Altlasten kamen dazwischen, und nun sitzt er da und knetet sich die Hände.

Im Grunde sind auch seine anderen Bücher sehr schnell entstanden, es gab immer enge Deadlines, Rammstedt musste die geschriebenen Seiten täglich seinem Lektor schicken, damit dieser schon drübergehen konnte. Übung im Umgang mit Stress hat er also, doch bisher gab es immer Phasen bis zu etlichen Wochen und Monaten, während derer er verzweifelte und kein Wort rausbrachte. „Es ist auch etwas meine Hoffnung, zu merken, dass ich mich vielleicht nur anstelle und es wahnsinnig übertrieben ist, acht Wochen nicht weiterzuwissen, und acht Minuten reichen könnten“, sagt Rammstedt.

Scheitern sei erlaubt. Beim Literaturbetrieb gehe er sowieso davon aus, dass dieser sein Experiment kritisch beäugt, vielleicht sogar darüber erleichtert wäre, wenn es misslingt, denn „sonst würde es ja bedeuten, dass sie etwas ändern müssten“. Da das gebundene Buch erst später erscheinen wird, hat Rammstedt nach dem Experiment noch Zeit, das Geschriebene zu überarbeiten. „Es nimmt mir für die Zeit des Schreibens etwas vom literarischen Druck. Wenn ich sonst das fertige Buch auf den Tisch haue, heißt es ja viel mehr – Schaut, ist das toll, was ich gemacht habe –, als wenn wie hier der Leser eine Entwicklung verfolgt.“

Rammstedt spricht hier etwas an, dass Wolfgang Ullrich als „Verschiebung des klassischen Werkstolzes als Auflehnung gegen die Moderne“ bezeichnet. Ullrich meint damit: In der Moderne wollte ein Künstler oder ein Autor, dass der Betrachter beim Anblick seines Werkes vor Ehrfurcht erstarrt, das Werk musste so gut sein, dass es einschüchtert. Für Künstler wie Amanda Palmer geht es aber nicht mehr darum, sie streben eine Interaktion mit ihrem Gegenüber an, ihre Werke sind intuitiver, spontaner. Das Genie ist in eine Krise geraten.

Dafür tritt langsam eine andere Art von Stolz in den Vordergrund: der Netzwerkstolz. Dabei geht es um die Rolle des Künstlers im sozialen Gefüge. Er vergleicht: Habe ich mehr Abonnenten als meine Kollegen? Habe ich wichtigere Personen unter meinen Abonnenten? Folgen sie nur mir? Sind sie glücklicher?

Wenn der Künstler oder Autor nun vor allem durch seinen Netzwerkstolz geleitet ist, führt das dann dazu, dass sich der Inhalt verändert? Wolfgang Ullrich in seiner Leipziger Altbauwohnung zögert lange, bevor er auf diese Frage antwortet, er wiegt seinen Kopf nach links und rechts, dann sagt er: „Nein, ich würde Netzwerkstolz und Inhalt nicht gegeneinander ausspielen.“ Es entstehe ein anderer Anspruch an den Inhalt. Die Notwendigkeit, überzeitliche Geltung zu erlangen, verschwinde. „Nehmen wir Twitter als Beispiel. Den einen absolut großartigen Tweet, der heute, morgen und in der fernen Zukunft die Leute erstaunen lässt, gibt es nicht. Was es aber gibt, ist der in einer bestimmten Situation perfekte Tweet.“

Der Autor müsse also andere Fähigkeiten mitbringen als früher, er sollte schlagfertig sein, reaktionsschnell, fähig, für einen bestimmten Moment eine Evidenz zu schaffen. „Interessant wäre eher zu sehen, inwiefern das enge Verhältnis zum Leser Einfluss auf den Text nimmt“, sagt Ullrich.

Tilman Rammstedt kann selbst noch nicht einschätzen, ob ihn das direkte Feedback beim Schreiben beeinflusst, sagt er. Aber vielleicht kann ein Blick in die Vergangenheit helfen, herauszufinden, was das mit einem Buch macht. Der Abo-Roman erinnert an den Feuilletonroman. Dieser war im 19. Jahrhundert die wichtigste Form der Erstpublikation eines Buches. Kapitel für Kapitel wurde es in einer Zeitung veröffentlicht. Unter anderen sind so Dostojewskis „Schuld und Sühne“, Tolstois „Krieg und Frieden“ und auch „Der Graf von Monte Christo“ von Dumas erschienen. Im 20. Jahrhundert änderten sich dann die Lesegewohnheiten, das Taschenbuch wurde populärer und der Feuilletonroman starb aus.

2001 dann ist es der damalige FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der sich in den Kopf setzt, das Prinzip Feuilletonroman noch einmal zu beleben, mit dem Clou, dass in die Handlung aktuelle Ereignisse eingeflochten werden. Er bittet Andreas Eschbach, einen  von Deutschlands erfolgreichsten Science-Fiction-Schriftstellern, sich dieses Projekts anzunehmen. Vom 30. September 2001 bis 14. Juli 2002 erscheint einmal wöchentlich ein neues Kapitel aus „Exponentialdrift“. Dann wird das Projekt fallengelassen.

Warum?

Ein Anruf bei Andreas Eschbach, eine französische Telefonnummer, der Autor lebt seit 2003 in der Bretagne. Eine ruhige, tiefe Stimme meldet sich.

„Der Fortsetzungsroman ist tot“, sagt er.

Wer sich heute hinsetze, um einen Roman zu lesen, der wolle einen richtigen Happen haben. Wer sich auf eine Figur, eine Geschichte, eine Welt einlasse, wolle sich darin verlieren. „Dann darf es so lang sein, wie es nur geht, tausende Seiten. Aber sich jeden Tag kurz reinzudenken, um dann wieder warten zu müssen, das bringt dem Leser nichts.“

Eschbach erzählt, dass er sich damals besonders auf das direkte Feedback der Leser gefreut hatte, es aber nicht kam. Was kam, waren lauter Beschwerdebriefe, die sich über die Form beklagten. Man wolle das ja gerne lesen, schrieben sie, aber so abgehackt mache es keinen Spaß. Manche fingen an, Kapitel zu sammeln, um sie dann in einem Rutsch durchzulesen.

Wenn Eschbach seinen Roman „Exponentialdrift“, der 2003 auch als Buch veröffentlicht wurde, heute anschaut, dann merkt er einen Unterschied zu seinen anderen Büchern. Einerseits gefällt ihm dessen Dichte, denn durch die Kürze der Kapitel hat der Roman eine gewisse Geschwindigkeit. Andererseits empfindet er ihn als monoton. Alle Kapitel haben die gleiche Länge und sind ähnlich aufgebaut. „Da merkt man dann doch die Entstehungsgeschichte. Es hat den Rhythmus einer Eisenbahn, zack zack zack zack zack zack . . .“

Außerdem sieht er die Gefahr, dass Rammstedt sich selbst zensieren könnte. „Oft hält man in einer unreinen Form viel mehr Wagemutiges fest. Wenn aber der Zeitdruck so groß ist, dass man bereits beim Schreiben permanent die Leser vor Augen haben muss, dann, glaube ich, nimmt es einem viel von der eigenen Unbefangenheit. Schreiben muss in der Einsamkeit passieren.“

Aber wenn niemand an kleinen Brocken Literatur interessiert ist, woher kommen dann die über 6.000 Euro, mit denen Abonnenten auf Startnext.com schon Tilman Ramm¬stedts Roman unterstützt haben?

Wien, kurz vor Silvester. Das Theatermuseum am Lobkowitzplatz ist leer. Nur Philipp Konzett, ein dunkelhaariger Mann im braunen Cordanzug, rast durch die Ausstellung über Wiener Aktionskunst.

„Wo ist es denn? Wo ist es denn?“, raunt er, stolpert fast, rast weiter. Dann, ohne dass es jemand ahnen konnte, bleibt er in einem Raum abrupt stehen.

„Da, da ist es.“

Ganz ruhig steht er nun da, die Hände hinterm Rücken verschränkt, das Lächeln eines glückseligen Kindes. Er atmet tief ein, dreht sich einmal um die eigene Achse, atmet seufzend wieder aus und sagt: „Ist das schön. Höchst interessant, oder?“

Nüchtern betrachtet befinden wir uns in einem Raum mit acht Packpapierbahnen an der Wand.

An der hinteren Wand, nahe der Tür, ist ein kleines Schild angebracht, darauf steht: Hermann Nitsch, 16. Aktion, 15. 12. 1965 Wien, Packpapierbahnen, Sammlung Philipp Konzett.
Konzett ist Kunstsammler. Seitdem er 17 ist, ist er auf der Suche. Doch es sind nicht die Werke an sich, die er sucht, er hat zwar einige, aber seine Leidenschaft gilt etwas anderem: dem Disegno. Disegno ist ein Begriff aus der Renaissance, der sich später zu einer eigenständigen Kategorie in der Kunsttheorie entwickelt. Gemeint ist damit eben nicht, wie die Übersetzung nahelegen würde, lediglich eine Zeichnung, vielmehr geht es beim Disegno um die allererste Verschriftlichung oder Skizze der Idee eines Künstlers.

Auf den Packpapierbahnen hat der Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch skizziert, wie er sich seine 16. Aktion vorstellt. Er zog Linien, Pfeile und Kreise mit Wachskreide, die ihm während seiner blutigen Aktion Orientierung geben sollten. Die erste Verschriftlichung seiner Idee. Später bekam Heinz Cibulka, eines von Nitschs Modellen, die Bahnen geschenkt, er trocknete und lagerte sie jahrelang in Rollen. Erst viel später erkannte er ihren Wert und verkaufte sie für einen siebenstelligen Betrag an Konzett.

In Konzetts Galerie, nur eine Gasse weiter, quillen die Disegni aus allen Ecken. Er hat den Überblick verloren, wie viele er besitzt, tausende und abertausende müssen es schon sein.
Kann dieser Mann, der sein Leben lang dem ersten Gedanken eines Künstlers hinterherjagt, uns eine Antwort darauf geben, warum Menschen Ramm¬stedt über die Schulter schauen wollen, während sich sein Roman entwickelt, auch wenn diese erste Fassung vielleicht nicht die Qualität des Buches haben wird? Warum sie ein Abo auf Amanda Palmer abschließen, statt ihr fertiges Album irgendwann im Plattenladen probezuhören?

Vielleicht. Das Problem jedoch ist, Konzett ist ein assoziativer Geist. Stellt man ihm eine Frage, fängt er zwar an, sie zu beantworten, doch prompt fällt ihm wieder etwas „höchst Interessantes“ ein, etwas „unglaublich Schönes“, etwas, das er so gern zeigen möchte. Und so sitzt man irgendwann erschöpft zwischen hunderten Skizzen, Schriften auf dem Boden seiner Galerie, als er, nach fünf Stunden, noch einmal Luft holt und sagt:

„Heutzutage denkt jeder, er stünde in der Pflicht, kreativ zu sein, alle sollen sie Künstler sein, aber wissen Sie, was? Ich muss das nicht mehr, ich bin ja die ganze Zeit kreativ, ich habe schon jeden Gedanken und jede Idee der Künstler mitgedacht. Ich bin vom Druck befreit, selbst etwas zu machen.“

Im Grunde sagt Konzett damit: Man lässt andere machen, bekommt aber dadurch, dass man die Entstehung des Werks kennt, das Gefühl, ein Teil dieses Prozesses zu sein. Die Abonnenten eines Künstlers, Schriftstellers oder Musikers sind für die Kunst verantwortlich. Sie sind Talententdecker und Kunstförderer in einem. In der älteren Kunstgeschichte war lange Zeit der Auftraggeber zumindest als so wichtig angesehen wie der Künstler selbst. Der Kunst-Abonnent weiß: Ohne mich würde dieses Buch, dieses Bild, dieses Lied nicht entstehen. Ich stehe hier mit meinem Geld für etwas ein, also muss ich auch auf meinen Künstler achtgeben, muss genau gucken, was er macht, muss ihm sagen, was ich schlecht und was ich gut finde.

Montag 11. Januar 2016, nachmittags. Tilman Rammstedt verlässt sein Büro. Ein bisschen zerzauster, ein bisschen abgekämpfter als morgens steht er nach diesem ersten Tag auf der Straße und zündet sich eine Zigarette an.

Wie lief es denn?
„Jooooa. Ich hab jetzt mal eine, na ja, Version an der Verlag geschickt.“

Spricht ein Autor von seinem Text als Version, ist er meist nicht zufrieden. Zu mühsam sei es gewesen, sagt Rammstedt, zu viel Ablenkung habe er gehabt.

Es geht zurück durch den Mauerpark Richtung Zuhause. Rammstedt scheint nicht mehr so beflügelt wie heute Morgen, er ist jetzt angekommen in seinem Projekt. Als er davon spricht, dass er bereits auf die ersten Handlungskonflikte trifft, für die er keine Lösung hat, aber morgen eine braucht, klingelt sein Handy. Der Verlag ist dran.

„Hallo? . . . Na ja . . . gut . . . gut . . . gut . . . okay . . . gut . . . gut . . . hoffen wir, wir lassen sie nicht hängen“, sagt Rammstedt und meint damit die Leser. Er legt auf.

Um 8.04 Uhr am nächsten Morgen erhalten Rammstedts Abonnenten eine E-Mail mit dem zweiten Kapitel. Bald erscheinen die ersten Kommentare unter dem Text.
Axouti: „Schön. Irgendwie eine Mischung aus ‚Look Who’s Talking‘ und Rudolf Steiner.“

Tilman Rammstedt antwortet: „Das kommt als Zitat auf den Buchrücken.“

„Ha! Buchrückenzitate versprechen, sobald die ersten zwei Kapitel geschrieben sind, ist das neue Bärenhaut verkaufen, bevor er erlegt ist“, schreibt der Hanser-Chef Jo Lendle.

Als Tilman Rammstedt am nächsten Tag sechs Seiten schreibt statt zwei wie angepeilt, geht der Versand per WhatsApp wegen der Textmenge schief. Auf so etwas waren sie beim Verlag nicht vorbereitet. Darauf, dass die Crowd den Vermeider wirklich zum Schreiben bringen könnte.